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Zertifikat familiengerechter Kreis

Wie familienfreundlich ist der Kreis Osnabrück?



Osnabrück. Die Auditorin Kerstin Schmidt vom Verein „Familiengerechte Kommune“ hat ein Jahr die Familienfreundlichkeit des Landkreises untersucht. Sie erklärt im Interview, warum der Landkreis Osnabrück als vierter Kreis in Deutschland das Zertifikat „familiengerechter Kreis“ bekommt und in welchen Bereichen sich der Landkreis in den kommenden drei Jahren noch verbessern muss.

Sie haben ein Jahr die Familienfreundlichkeit des Landkreises untersucht. Wie familienfreundlich ist der Landkreis auf einer Skala von 1 bis 10 aktuell?

Aktuell ist der Landkreis bei 7. Eigentlich sprechen wir aber nicht von Familienfreundlichkeit, sondern von Familiengerechtigkeit. Wir verstehen darunter nicht nur die Schaffung von Betreuungsplätzen für Kinder, sondern nehmen alle Generationen in den Blick. Da gibt es an einigen Punkten durchaus noch Arbeit für den Landkreis. Wir vom Verein „Familiengerechte Kommune“ stufen Familiengerechtigkeit höher als Familienfreundlichkeit ein und definieren diese so, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, auf die sich Familien und alle Generationen verlassen können.

Wie funktioniert das Audit „Familiengerechter Landkreis“, wie familienfreundlich wird der Landkreis bis 2020 sein, wenn alle Zielsetzungen des Audits umgesetzt wurden?

Elementare Bestandteile sind eine umfangreiche Analyse der derzeitigen Aktivitäten, die Entwicklung von Zielen und eine Beteiligungsphase. Es waren im Rahmen dieses Prozesses verschiedene Zielgruppen beteiligt. Es gab etwa eine Fokusgruppe der 18- bis 40-Jährigen, eine Arbeitsgruppe mit den kreisangehörigen Kommunen zur Familiengerechtigkeit und Akteuren aus dem Landkreis. Es hat sich zum Beispiel auch eine Tischlerei an den Diskussionen beteiligt. Dazu gab es die Ziel- und Strategieworkshops mit Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Diese verschiedenen Beteiligungsformen haben zu den Zielvereinbarungen geführt, die der Landkreis von 2017 bis 2019 umsetzen möchte.

Können Sie sagen, wo der Landkreis bereits besonders familienfreundlich und -gerecht ist und wo noch Luft nach oben ist?

Familiengerechtes Handeln zeigt sich beim Landkreis Osnabrück an vielen gelungenen Angeboten, wie zum Beispiel bei der frühen Familienförderung und dem Aufbau von Präventionsketten wie etwa Babybesuchsdienste und Familienservicebüros. Die Familienservicebüros des Landkreises Osnabrück sind bei dem überwiegenden Anteil bislang eine Anlaufstelle für Eltern mit Kindern. Dort kommen ganz oft Fragen zur Kinderbetreuung in der Kita oder in der Schule an. Wir setzen mit dem Audit daran an, diese Familienservicebüros weiterzuentwickeln, damit sie die Anliegen aller Generationen bearbeiten. Wenn ich etwa pflegebedürftige Eltern in der Familie habe und Unterstützung brauche, dann kann ich das Familienservicebüro auch als Anlaufstelle für diese Bedürfnisse wahrnehmen. Über die Weiterentwicklung der Familienservicebüros wird derzeit diskutiert.

Welche Gemeinde ist aktuell die familienfreundlichste und -gerechteste im Landkreis?

Beim Audit Familiengerechter Landkreis geht es darum, den gesamten Landkreis in den Blick zu nehmen und somit die Aufgaben des Landkreises. Aus meinen Gesprächen mit den Bürgermeistern der Städte und Samtgemeinden kann ich sagen, dass es ein Herzensanliegen der Kommunen ist, sich für Familien zu engagieren. Mit Hagen und der Samtgemeinde Neuenkirchen haben zwei kreisangehörige Kommunen ein eigenes Audit zur Familiengerechtigkeit durchgeführt. Deshalb können wir mit Gewissheit auch nur beurteilen, dass diese Kommunen besonders familiengerecht sind. In Hagen war es so, dass das Familienservicebüro zunächst in erster Linie eine Anlaufstelle für Eltern mit Kindern im Alter von 0 bis 14 Jahren war. Das hat sich dann gewandelt. Seit etwa anderthalb Jahren ist das Familienservicebüro dort auf dem Weg, zu einer Anlaufstelle für alle Generationen zu werden, also auch für Personen, die Fragen zum Thema Pflege haben. Hagen hat das Zertifikat „Familiengerechte Kommune“ bereits 2014 bekommen, die Samtgemeinde Neuenkirchen und der Landkreis Osnabrück bekommen das Zertifikat jetzt. Mit dem Zertifikat verpflichten die Kommunen sich binnen der kommenden drei Jahre, die in dem einjährigen Zeitraum des Audits gesteckten Ziele umzusetzen. Beim Kreisaudit wird sehr viel Wert auf die Zusammenarbeit mit den kreisangehörigen Kommune gelegt, weil die Familien dort leben und arbeiten.

Welche Zielsetzung Ihres Audits ist die wichtigste, die der Landkreis zu erfüllen hat?

Insgesamt ist es wichtig, dass familiengerechtes Handeln alle Aktivitäten des Landkreises betrifft und deshalb Zielsetzungen aus den unterschiedlichen Themenfeldern formuliert werden. Ganz wichtig ist die Fokussierung auf alle Generationen. Auch im Wohnumfeld kann man in dieser Hinsicht viel machen.

Wie viele Kreise haben bereits das Zertifikat „familiengerechter Kreis“?

In Niedersachsen ist der Landkreis Osnabrück der erste Kreis, bundesweit ist der Landkreis Osnabrück der vierte, der das Zertifikat „familiengerechter Kreis“ bekommen hat.

Bei der Versorgung mit Kitaplätzen ist der Landkreis bereits gut aufgestellt, wie ist die Versorgung mit Hortplätzen in den Grundschulen?

Die Ganztagsbetreuung im Kitabereich hat der Landkreis bereits sehr gut ausgebaut. Im Schulbereich wird auf die Ganztagsschule gesetzt. Für die Eltern, die in den kreisangehörigen Kommunen leben und arbeiten, ist es wichtig, dass es gleiche – eben familiengerechte – Rahmenbedingungen gibt. Gerade bei der Versorgung mit Ganztagsplätzen ist es wichtig, die Bedürfnisse der Eltern und Kinder gut zu kennen. Hinzu kommt, dass sich Familienwelten wandeln und oftmals beide Elternteile arbeiten und die Großeltern der Kinder oft auch nicht mehr vor Ort sind. Daher wird die Nachmittagsbetreuung immer wichtiger. Oftmals geht es auch um gute Randzeiten-Betreuungen.

Nach Umsetzungsbeginn im Januar gibt es den ersten Bericht über den Umsetzungsstand im Dezember 2017. Was ist das wichtigste Ziel, das im ersten Jahr der Umsetzung erreicht werden sollte?

Ich möchte hier nicht von einer Wertigkeit der Ziele sprechen. Denn letztlich haben alle formulierten Ziele für das jeweilige Handlungsfeld hohe Bedeutung und alle Beteiligten haben sich sehr engagiert, fundierte Ziele und Maßnahmen zu entwickeln. Herausnehmen kann ich die Entwicklung passender Instrumente als Grundlage für die Entscheidung über die Weiterentwicklung konkreter Angebote für alle Generationen als Schwerpunkt im Jahr 2017. Hieran müssen alle Beteiligten aktiv mitwirken.

Warum bedarf es einer Marketingstrategie mit einer Heimat-App?

Es geht darum, den Landkreis mit den Angeboten der Familiengerechtigkeit bekannt zu machen. Der Landkreis soll als Wohn- und Lebensstandort platziert werden. Da geht es natürlich auch um einen Standortvorteil gegenüber anderen Regionen. Die Idee von einer Heimat-App kam selbst von jungen Leuten aus der Fokusgruppe, mit der wir intensiv diskutiert haben. Sie regten an, dass Leute, die weit entfernt studieren und in Hamburg und München wohnen, über eine solche App Informationen über ihre Heimat bekommen. Dazu gehören zum Beispiel auch Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Es geht dabei auch darum, ob die Leute zurück in den Landkreis kommen, wenn sie eine Familie gründen wollen. Da spielen dann natürlich auch Fragen wie Wohn-, Kinderbetreuungs- und Bildungsmöglichkeiten eine Rolle.

Einer der wichtigsten Bereiche der sieben erarbeiteten Handlungsfelder ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Was sind die wichtigsten Ziele in diesem Handlungsfeld? Welchen Spielraum hat ein Landkreis eigentlich, in diesem Bereich etwas zu verbessern?

Eine wichtige Aufgabe ist sicherlich, die Unternehmen noch stärker zu sensibilisieren, um den Blick auf die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf zu intensivieren. Wir erleben schon heute einen starken Wandel der Arbeitswelt, in der flexible Arbeitszeiten, Gleitzeiten und Möglichkeiten zur Arbeit im Home-Office einfach eine große Rolle spielen. Uns geht es im Audit auch um kleinere und mittlere Unternehmen. Wir kennen aber zum Beispiel kleine Goldschmieden, die es schaffen, ihre Mitarbeiter etwa über flexible Arbeitszeitmodell an sich zu binden. Dem Landkreis kommt hier die Aufgabe zu, die Partner an den Tisch zu holen und gemeinsam mit den kleineren und mittleren Unternehmen ortsnahe und passgenaue Lösungen zu entwickeln. Dies zeigt, dass die Weiterentwicklung der Familiengerechtigkeit ein Prozess ist, der auf Dauer angelegt ist und an dem viele Akteure mitwirken.

Wie teuer ist die Umsetzung der Zielsetzungen für den Landkreis?

Viele der geplanten Maßnahmen betreffen die Weiterentwicklung bestehender Angebote und Strukturen, sodass nicht unbedingt neues Geld in die Hand genommen werden muss, sondern Aufgabenzuschnitte erweitert oder verändert werden. An den Stellen, wo in die Entwicklung von Instrumenten investiert werden muss, zahlt sich der Einsatz am Ende aus, weil Familie die Basis unserer Gesellschaft ist.

 

Ein Artikel von Jean-Charles Fays / NOZ - 22.12.2016
http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/825210/wie-familienfreundlich-ist-der-kreis-osnabrueck#gallery&0&0&825210